Die Siedler: Königreiche von Anteria (oder: Der Niedergang der Spielkultur)

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Die Siedler: Königreiche von Anteria (oder: Der Niedergang der Spielkultur)

      Achtung: Dieser Beitrag enthält zum Teil bitterbösen Sarkasmus und Passagen, die komplett ironisch gemeint sind. Diese sind nicht gesondert markiert. Lesen auf eigene Gefahr!
      Mit dem »Die Siedler« Franchise verbinde ich zahllose Kindheitserinnerungen und markiert in gewisser Weise sogar meinen Einstieg in die Welt der Videospiele. Die Siedler 1 zockte ich damals noch auf dem alten Amiga meines Vaters bis an den Rand der Gesundheitsgefährdung. Mit einem guten alten Aldi PC nebst Windows 95 hielt dann die Siedler 2 Einzug und der Splitscreen Modus wanderte ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dort wurde mir zum ersten Mal so wirklich das Zeitvernichtungspotenzial von Videospielen vor Augen geführt, als ich mich nämlich eines Abends mit einer guten Freundin gemeinsam vor die Kiste hockte und es uns nach ungezählten Stunden dämmerte, dass es draußen schon wieder dämmert. :ugly: Mit dem dritten und vierten Teil kam der Wandel hin zu einem reinen Echtzeitstrategiespiel, das mich zwar durchaus noch unterhielt, aber das alte Suchtpotenzial nicht mehr entfalten konnte. Ab dem fünften Teil sprang das Ganze auf den Zug der stetigen Verseichterung von Spielen auf (mit einer erfreulichen, wie einmaligen Ausnahme von »Die Siedler 2: Die nächste Generation«) und verschwand gänzlich von meinem Radar. Zu recht wie ich anhand eines Siedler 7 noch mal überprüfen konnte. Ein Fehlkauf, der mich bis heute ärgert. Warum beschäftige ich mich also mit »Die Siedler: Königreiche von Anteria«? Der Weg ist doch klar. Erwarten sollte man als ein alter Siedler Fan nichts mehr. Dennoch führte ich mir mal ein Let’s Play Video der PC Games Redaktion zu Gemüte und änderte meine Meinung sofort. »Die Siedler: Königreiche von Anteria« ist in jeder Beziehung herausragend…

      Denn Ubisoft hat intensive Marktstudien durchgeführt und daher eine Reihe an Anpassungen am Konzept der Siedler durchgeführt. Anpassungen, die den Spielern die Freudentränen in die Augen treiben sollen, zumindest nach dem Willen des Publishers. Hier mal eine Liste der neuen bahnbrechenden Features:
      1. Wartezeit: Ach weh, war das damals in den ersten Teilen schlimm. Gebäude wurden teilweise nach wenigen Minuten oder gar Sekunden fertig. Wie unrealistisch! Das dachte sich auch Ubisoft und schraubte hieran kräftig. Jetzt darf man Stunden, Tage oder auch Wochen auf die Fertigstellung warten. Endlich wird man nicht mehr so gehetzt und mit mehr als einer einer Bauentscheidung pro Tag konfrontiert. Warten ist schließlich nicht umsonst die beliebteste Freizeitaktivität!
      2. Bauen in vorgegebenen Bereichen: Was war es für eine Qual. Wo soll man bloß die Gebäude hinbauen? Endlich ist auch damit Schluss. Gebaut wird nur noch in vorgegebenen Bereichen einer einzigen Karte. Doch Vorsicht! Auch das könnte uns ja noch überfordern. Daran hat Blue Byte aber auch gedacht und sich noch etwas einfallen lassen: Statt den armen geplagten Spieler mit der kompletten Karte zu überfordern, darf man das Gebiet erst Stück für Stück in monatelanger Arbeit freischalten.
      3. Keine Gegner: Seine Siedlungen mit Soldaten und Verteidigungsanlagen zu bestücken, war freilich immer eines der nervigsten Elemente der ersten Teile. Mit KI oder menschlichen Spielern um Land und Rohstoffe eifern zu können ist barbarisch und gewaltverherrlichend. Deswegen wurde dies nun folgerichtig gestrichen. Man siedelt nun gänzlich allein auf der Karte im stillen vor sich hin. Super!
      4. Weniger Siedeln mehr Rollenspiel! Siedeln und aufbauen in einem Siedlerspiel als Kernmerkmal? Ja, das ist natürlich absurd, wie auch die Entwickler erkannten. Deswegen nimmt das Bauen und optimieren der Siedlung nur noch etwa 25% der Spielzeit ein. Die restlichen 75% verbringt man nun in sog. Abenteuern, wo man auf Karten mithilfe seiner Helden Monster bekämpft, Items lootet, Erfahrung sammelt und natürlich auch wichtige Rohstoffe für die Siedlung erringt. Man kann Blue Byte nur beglückwünschen, dass sie sich durchringen konnten ein Feature zu übernehmen, dass sich in zahllosen MOBAs, Diablo und vielen Mobilegames wahrlich bewährt hat. Stumpfes Grinden ist ein Erfolgsrezept!
      5. Wiederholung statt Neues: Man kennt es aus dem Fernsehen. Neue Folge sind immer ein Ärgernis. Plötzlich gibt es Veränderungen in der Konstellation der Charaktere oder auch neue Ereignisse, die bewältigt werden wollen. Was ein Mist! Nicht zurecht sind doch Wiederholungen alter Folgen viel beliebter als neue Folgen. Daher ist es auch in »Die Siedler: Königreiche von Anteria« zentral die Abtenteuer immer zu wiederholen. Warum die selbe Karte mit den selben Gegnern nur ein einziges Mal spielen, wenn man es auch 20 oder 30 Mal tun könnte? Besser noch: Es ist unerlässlich! Bestimmte Rohstoffe gibt es nämlich nur in bestimmten Abenteuern und hat man dieses gelöst schaltet man nicht etwas die Produktion dieser Rohstoffe frei, sondern man bekommt wirklich nur die erbeuteten Rohstoffe. Braucht ein neues Gebäude in der Siedlung also mehr davon, muss man das Abenteuer wiederholen und wiederholen… Genial!
      6. Immer Online: Zum Glück sind die rückständigen Zeiten vorbei, als Einzelspielertitel nur auf dem eigenen Rechner gespielt wurden, man nicht von Serverwartungen abhängig war und auch die Spielstände lokal archiviert werden konnten. Von dieser steinzeitlichen Gestaltung ist man abgerückt, sodass man nun immer online ist, die Spielstände nur auf den Servern vorgehalten werden und ohne Internetverbindung oder bei Serverwartung, nicht erreichbar sind. Denn nur dadurch sind tolle Features möglich, wie ein Chatfunktion und die Möglichkeit mit Spielern zu handeln. Derartige Innovationen wurden auch Zeit!
      7. Free to Play Mechanik zum Vollpreis: Free to Play hat einen schlechten Ruf. Warum? Bestimmt, weil es einfach eine Unsitte ist, die Spiele kostenlos anzubieten und dann mit einem Shop für spezielle Gegenstände doch Geld einzutreiben. Das ruft nur Missverständnisse hervor. Deshalb möchte Ubisoft das Konzept einführen, bei dem die Spieler von Beginn an für das Spiel zahlen und danach noch zusätzlich in einem Shop einkaufen. »Pay to Pay«, soll das Ganze heißen. So werden Missverständnisse vermieden und dem Spieler der einmalige Spaß geboten Geld auszugeben, um künstlich erzeugte Wartezeiten zu überbrücken! Das beste: Hat man das Spiel im Uplay-Store gekauft, sind die Zahlungsinformationen gleich hinterlegt und man kann direkt bequem im Spiel so viele Edelsteine aufladen, wie das Bankkonto hergibt. Wer daran keinen Spaß findet, mit dem stimmt etwas nicht.
      Mal im Ernst: Spielmechaniken, die schon in Browserspielen und Mobilegames Kritik auslösen, sollen nun zum vollen Preis Eingang auf den PC finden?! Ubisoft und Blue Byte schafft hier für mich persönlich herausragendes. Aus einem Franchise, bei dem ich – zumindest in den ersten beiden Teilen – alle Bestandteile liebte, findet nun seine Krönung in einem Titel, der gekonnt alle Mechaniken kombiniert, die ich in der aktuellen Videospielekultur verachte: Cash-Shop, künstliche Wartezeiten, rein re­pe­ti­tives Gameplay, unsinnige Überfrachtung mit 0815 Rollenspielelementen usw. … Das alles in einem einzigen Spiel unterzubringen, zeugt schon von einem moralischen Verfall der Sonderklasse! Eine derartige Kehrtwendung so konsequent von Titel zu Titel durchzuziehen ist Bemerkenswert und findet mit »Die Siedler: Königreiche von Anteria« nun den traurigen Tiefpunkt. Wobei wohl das traurigste ist, dass diese Wandlung keine Ausnahme darstellt und für einen Nicht Siedler-Fan kaum noch mehr als eine Randnotiz wert sein dürfte. Wer hingegen noch die alten Teile kennt, dem schmerzt es, wie hier das Siedler Franchise endgültig zertreten und gedemütigt wird. Obwohl: Noch ist das Spiel ja in der Closed Beta, da wird sich bestimmt noch alles ändern… wer’s glaubt…

      Ich für meinen Teil, wünsche Ubisoft mit »Die Siedler: Königreiche von Anteria« den größten Misserfolg ihrer Fimengeschichte. Ich hoffe die beteiligten Entwickler werden für den Verkauf ihrer Seele mit einer fristlosen Kündigung belohnt. Und jedem Spieler, der derartige Entwicklungen noch mit Geldausgabe für das Spiel oder gar im Cash-Shop belohnt, der verdient Pest, Cholera, Impotenz, sowie Unfruchtbarkeit und zwar alles gleichzeitig! :ugly:
      Doch was unke ich herum: Ich gehöre halt zu jener aussterbenden Generation, die Videospiele noch mit Spaß verbinden und Features als unterschiedliche Spielmechaniken statt als Zahl der unterstützten Zahlungsmethoden ansehen. Wir haben zu dem Niedergang der Spielekultur schon diskutiert und ich halte auch hier an meinem Grundsatz fest, dass jedes Spiel, das zahlende Kunden findet auch berechtigt ist. Doch sollte sich der neue Siedlerableger wirklich gut verkaufen und erfolgreich werden, muss ich wohl mein Bild der Menschheit infrage stellen. :ugly:

      So meine – selbstverständlich vollends objektive – Meinung zu »Die Siedler: Königreiche von Anteria«, der neuen Zierde der Zunft der Videospieleentwickler!
      Was meint ihr? Übertreibe ich? :thinking: