Sid Meier’s Civilization VI: KI steht für »Keine Intelligenz«

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  • Ja, so drastisch wie es im Titel formuliert ist, muss man es leider für Sid Meier’s Civilization VI (Civ 6) festhalten. Die alte Krankheit der Reihe, eine zu dumme künstliche Intelligenz (KI) der Gegner, verdirbt einem das ein oder andere Mal die Freude an einem errungenen Sieg. Warum der neuste Teil der Serie dennoch nicht misslungen ist, lest ihr hier. :slight_smile:

    Verspielte Optik

    Das erste was nach dem Start des Titels auffällt ist sicherlich die erneuerte Grafik, die mit vielen Details aufwartet und durch bessere Beleuchtung und diversen Shader-Tricks rein technisch dem Vorgänger und auch Beyond Earth überlegen ist. Ohne dabei die Kraft des Rechenknechts überzustrapazieren, wobei man bei maximaler Einstellung auch kein allzu altes Gerät sein eigenen nennen darf.

    Für Diskussion sorgte allerdings schon im Vorfeld das neue Artdesign der Grafik, das sich von einem realistischen Aussehen verabschiedete und zu einem überzeichneten Comic-Look überging. Insbesondere die Anführer der Zivilisationen wirken so eher wie Charaktere eines Pixar Films, als ernstzunehmende Herrscher einer Nation. Doch so streng sehe ich das nicht: Civ 6 ist und bleibt irgendwie auch ein Spiel und hat mehr mit einem Siedler von Catan gemein, als mit einer echten umfassenden Simulation. Der neue Grafikstil nimmt dem Spiel zwar sicherlich einen gewissen ernst, aber, aus meiner Sicht, nicht unbedingt zum Schaden. Es bleibt letztlich wohl eine Frage des Geschmacks.

    Jeder Kritik erhaben ist hingegen der Soundtrack, der es abermals versteht die Stimmung vom Aufbruch der Menschheit in der Antike bis hin zur Götterdämmerung der Moderne einzufangen und je nach Zivilisation mit einem eigenen Charakter zu versehen. die Musik wird dabei nie aufdringlich und störend, sondern bleibt stets hintergründig, ohne zu langweilen. Lediglich der Abwechslungsreichtum könnte etwas größer sein, da sich die Themen einer Zivilisation recht schnell wiederholen.

    Komplexitätsmonster

    Man kann Civ 6 wirklich als bisher komplexesten Teil der Serie ansehen, zumindest ohne DLCs bzw. AddOns. Kultur, Forschung, Politik, Religion, Diplomatie, Stadtstaateneinfluss und neuerdings auch der Städtebau wollen sorgsam und umsichtig geplant werden. Für Anfänger ist das durchaus ziemlich erschlagend, auch wenn man durch den Start in der Antike viele Mechaniken erst nach und nach zur Verfügung hat.

    Das ist genau eine Stärke des Spiels, denn so wird eine Partie nie wirklich langweilig. Es gibt immer neues zu tun und zu optimieren, damit man nicht den Anschluss zur Konkurrenz verliert. Größte Neuerung ist dabei der Städtebau, der sich nun auf dem in Hexagone unterteilten Spielfeld sichtbar abspielt. Wunder und spezielle Bezirke benötigen fortan nicht nur Platz, sondern zuweilen auch einen bestimmten Untergrund oder ein bestimmtes Nachbarfeld. Pyramiden in der Tundra sind also nicht mehr möglich. Dadurch wird das Planen von Siedlungsorten auch deutlich anspruchsvoller, weil man mit dem Platz eben auskommen muss. Leider geraten Zivilisationen, die nur wenig Platz haben, dadurch schnell ins Hintertreffen. Gelang es Civ 5 noch ganz gut, durch nationale Wunder und diverse Mechaniken, auch kleine Nationen mit großen mithalten zu lassen, ist man bei Civ 6 gut beraten zumindest ein wenig Expansion zu betreiben. Sonst ist es schnell aus mit dem Traum der Weltherrschaft.

    Strunzdumme KI

    Wirklich im Weg steht einem die KI bei diesem Ziel allerdings nur, wenn sie schummeln darf. Auf höheren Schwierigkeitsgraden bekommt der virtuelle Spielpartner nämlich spezielle Boni, verkürzte Bauzeiten, schnellere Forschung usw. zu geschustert, damit er mithalten kann. Das zerstört leider die Spielbalance zum Teil enorm. Während man selbst lange und teuer Siedler ausbildet, um neue Städte zu gründen, fluten die KI Kollegen schon die Landschaft mit ihren Horden.

    Stellt man den Schwierigkeitsgrad jedoch zu niedrig ein, offenbart sich schnell warum die KI schummeln muss: Sie versagt nämlich leider zuverlässig auf ganzer Linie. Egal ob Diplomatie, Kriegsführung oder Städtebau, die Entscheidungen, die die KI trifft sind stets fragwürdig. Da werden Bezirke der Stadt augenscheinlich zufällig platziert, ohne die Boni zu beachten, die sich durch die Landschaft oder Nachbarbezirke ergeben. In der Diplomatie wird gern mal der vielfach überlegenen nachbarschaftlichen Militärmacht ein Überraschungskrieg erklärt, obwohl nicht mal eigene Truppen in Stellung sind.

    Am deutlichsten tritt die Schwäche der KI noch in der direkten Kriegsführung hervor, wo oft die merkwürdigsten und dämlichsten Manöver vollführt werden. Gern wird so eine Stadt mal mit Belagerungswaffen zu klump geschlossen, sodass sie von einer Nahkampfeinheit, problemlos eingenommen werden könnte. Bloß kommt die nicht zu ihrem Ziel durch, weil alles mit Belagerungswaffen voll gestellt ist und die KI nicht mal daran denkt, diese abzuziehen um den Weg frei zu machen. In anderen Situationen bekommt sie das wiederum noch hin, zieht die anrückenden Nahkämpfer aber direkt nervös wieder ab, sobald sie durch Fernkämpfer ein wenig verletzt wurden, anstatt notwendige Opfer in kauf zu nehmen und die Stadt einfach einzunehmen.

    Die Liste ließe sich leider noch lange fortführen und auf alle Mechaniken des Spiels ausweiten. Durch die Möglichkeit der früheren Teile, militärische Einheiten unendlich stapeln zu können, konnte man diese Schwächen wohl noch gut kaschieren, doch nun seit Civ 5, wo nur eine Einheit pro Feld steht, wird die Unzulänglichkeit der KI offensichtlich. Man hat das in Civ 6 wieder etwas entschärft, da es im gewissen Rahmen wieder möglich ist bis zu drei Einheiten desselben Typs zu stapeln, doch hilft das der KI nur wenig, da die stärke der drei Einheiten auch nicht direkt addiert wird. Wer eine wirklich herausfordernde Partie sucht wird um Mehrspielergefechte mit echten Menschen nicht herum kommen.

    Perle mit einem Makel aber dennoch Spaß für Wochen

    Zwar ist es Schade, dass die KI gegenüber dem fünften Teil so gar keinen Fortschritt gemacht zu haben scheint, doch bekommt man mit Civ 6 trotz dessen das vermutlich beste Rundendstrategiespiel, das es gerade zu kaufen gibt. Die Möglichkeiten sind schier endlos und auch die Partien fesseln für Stunden. Eine Partie auf normaler Spielgeschwindigkeit kann gern schon mal 20 oder mehr Stunden dauern, bis man dem Sieg ins Auge sieht. Findet man sich damit ab, dass die KI schummeln muss um wirklich eine Herausforderung zu werden, können Partien durchaus auch knackig schwer werden, auch wenn sie sich zum Teil eben etwas unfair anfühlen, da die KI nicht derselben Mechanik unterliegt, wie man selbst, und somit vieles viel schneller kann.

    Für mich ist die schwache KI jedenfalls der einzige große Makel an einem sonst fast perfekten Rundeinstrategiespiel. Warum Firaxis hier aber es nicht hinbekommt überhaupt irgendwelche erkennbaren Fortschritte zu machen, ist mir schleierhaft. Vielleicht sollten sie einfach mal ein oder zwei Spezialisten für künstliche Intelligenz einstellen oder einen Wettbewerb für entsprechende Studenten ausschreiben. Ohne externe Hilfe scheinen sie jedenfalls nicht fähig zu sein, das Problem selbst anzugehen, obwohl die KI bisher in fast jedem Teil der große Schwachpunkt war.
    Nichtsdestotrotz kann man das Spiel allen Freunden der Rundenstrategie ans Herz legen, insbesondere wenn auch Mehrspielergefechte angedacht sind. :slight_smile:

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