Das Testament des Sherlock Holmes

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  • »Das Testament des Sherlock Holmes« ist der sechste und jüngste Teil der von Frogwares entwickelten Reihe von Point-and-Click-Adventures im Sherlock-Holmes-Universum. Der am 21. September 2012 erschienene Titel verspricht düsteres und undurchsichtiges Spielvergnügen: Es warten grausame Morde, moralische Grauzonen und die finale Frage, ob der wohl berühmteste aller Detektive wirklich unverrückbar auf der richtigen Seite des Gesetzes steht oder nicht doch selbst ordentlich Dreck am Stecken hat. Dazu passt auch die vergleichsweise hohe Altersfreigabe von 16 Jahren – im »Testament von Sherlock Holmes« wird im Hinblick auf Gewaltdarstellungen nicht gekleckert, sondern geklotzt; auch wenn man als Spieler dabei immer eine passive Rolle beibehält und nie selbst Blut vergießt, ist das Spiel nichts für empfindliche Gemüter und schwache Mägen. Schnell wird klar, dass der Entwickler hier einen möglichst erwachsenen, kompromisslosen und düsteren Titel abliefern wollte und dafür gerne bereit ist, über zahlreiche Leichen zu gehen. Die heruntergekommenen Viertel eines Londons am Ende des 19. Jahrhunderts und ein Sherlock Holmes, der zusehends außer Kontrolle gerät, bis er nicht nur mit Presse und Polizei auf Kriegsfuß steht, sondern sich auch noch mehr und mehr von seinem allgegenwärtigen und einzigen Freund Dr. Watson entfremdet, bieten dafür auf jeden Fall die richtige Kulisse – ob das Potenzial genutzt wurde, ist allerdings eine andere Frage.

    Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

    Es ist der Vater mit seinem Kind, die beide nichts mit Sherlock Holmes zu tun haben und im Spiel dementsprechend auch nicht auftauchen. So einfach könnte eine Faustregel zur Spielegestaltung aussehen – wenn der Entwickler nicht gerade Frogwares heißt. Ebenfalls nichts mit dem klassischen Sherlock Holmes zu tun haben nämlich die drei kleinen (und ausgesprochen hässlichen) Blagen, denen man während des Intros beim Herumstöbern auf einem alten Dachboden zusehen muss … was leider offensichtlich niemanden davon abgehalten hat, sie trotzdem ins Spiel zu packen.
    Die Rahmenhandlung mit den drei Gören, die beim Spielen zufällig auf einen von Dr. Watson unveröffentlichten Sherlock-Holmes-Fall stoßen, ist, kurz gesagt, für die Tonne. Schlimmer als das überflüssige Intro sind nur noch die (zum Glück seltenen) Zwischensequenzen, die einen direkt aus der Story reißen und zurück auf den Dachboden zu den drei Miniaturgesichtsbaracken befördern. Für die Geschichte irrelevant, für die Atmosphäre tödlich und alles in allem einer dieser Momente, in denen man sich fragt, was der Entwickler sich dabei nur gedacht hat, wäre das Spiel alleine ohne diese Abschnitte doch schon so viel besser.
    Immerhin eine gute Einstimmung auf den Rest des Spiels, den von diesen Momenten gibt es mehr, als man für möglich halten sollte, und das in allen Bereichen.

    Die eigentliche Geschichte – also die, die sich dann tatsächlich mit Sherlock Holmes und Dr. Watson beschäftigt – hat dafür zweifellos Potenzial. Zwar gibt es inzwischen geradezu ein Überangebot an Sherlock-Holmes-Filmen, -Serien, -Büchern und -Spielen, sodass man kaum noch wirklich neues, nie gesehenes Material erwarten kann, aber zumindest die etwas düsterere, brutale Richtung, die »das Testament von Sherlock Holmes« einschlägt, ist vergleichsweise unverbraucht und würde ein paar interessante Blickwinkel auf die Figur des Sherlock Holmes und die manchmal doch fragwürdigen Methoden des ›beratenden Detektivs‹ eröffnen.
    Die Grundidee würde daher auch sicher über die volle Spielzeit von zehn bis fünfzehn Stunden tragen und auch über die Logiklöcher könnte man wahrscheinlich wohlwollend hinwegsehen, wenn man sich bei der Gewichtung der einzelnen Abschnitte nicht so völlig verhoben hätte. Über weite Strecken passiert überhaupt nichts, wodurch das Interesse des Spielers geweckt werden könnte, im letzten Viertel des Spieles folgen dann so viele drastische Wendungen Schlag auf Schlag, dass wiederum keine Zeit bleibt, sie ihre volle Wirkung entfalten zu lassen. Düster ist das Spiel zwar, emotional erreicht es den Spieler aber so gut wie nie, weil man in die wirklichen Hintergründe erst viel zu spät und zu plötzlich Einblick bekommt.

    Was völlig fehlt, ist ein von Anfang an wenigstens erkennbarer roter Faden, der ein Gefühl für den gemachten Fortschritt vermittelt – und der Eindruck, überhaupt selbst Fortschritte zu machen und nicht nur X belanglose Aufgaben zu erledigen, bevor einem dann in einem endlosen Holmes-Monolog das nächste echte Storyfragment vorgelesen wird.

    Vereinte Extreme

    Kein Licht ohne Schatten, könnte man sagen. »Das Testament des Sherlock Holmes« weiß zu beeindrucken und zu überraschen, nur leider nicht immer im positiven Sinn.

    So ist zum Beispiel die Grafik auf dem PC wirklich gut. Mit viel Liebe zum Detail hat man die einzelnen Schauplätze rund um das historische London gestaltet und keine Mühen gescheut, die Welt so lebendig und atmosphärisch wie möglich auszuschmücken. Das gelingt auch in all den Bereichen, in denen man es für wirklich knifflig halten würde – nur um dann an selbstverständlichen Kleinigkeiten so komplett zu scheitern, dass man sich nur fragend am Kopf kratzen kann.
    Da wären zum einen die Zwischensequenzen in Spielgrafik, die das Augenmerk konsequent von der großartigen Kulisse weg und direkt auf die größte visuelle Schwäche lenken: die Animationen von Personen und vor allem Gesichtern, die bestenfalls noch als ›hölzern‹ durchgehen. Dass man es eigentlich besser kann, zeigt ausgerechnet der Abspann, der als gerenderte Cutscene daherkommt und gar kein Vergleich mehr zu dem Spiel ist, das man gerade beendet hat.
    Das andere, noch größere, Problem ist die Ausgestaltung des Spiels als voll begehbare dreidimensionale Umgebung. Zwar eine nette Idee und der Atmosphäre sicher zuträglich, in der Praxis kollidiert die freie Spielwelt leider unschön mit den bewährten Steuerungskonzepten eines Point-and-Click-Adventures. Sich in Ego- oder 3rd-Person-Perspektive mit den WASD-Tasten durch die Welt zu bewegen, während die Maus die Blickrichtung steuert, macht es unnötig kompliziert und frustrierend, die richtigen Hotspots in der Kulisse anzusteuern – es fehlt einfach der Mauszeiger, um schnell auf die gewünschte Stelle klicken zu können. Die ›klassische‹ Point-and-Click-Perspektive, bei der man sich durch Klick an den Bildschirmrand, auf Türen und Ähnliches fortbewegt, bietet zwar dieses Feature, scheitert andererseits aber daran, dass die Spielwelt eben nicht darauf ausgelegt ist, nur aus vorher festgelegten Blickwinkeln heraus betrachtet zu werden; um einen einzelnen Raum komplett abzusuchen, muss man sich erst mal durch unzählige, teils versteckte Perspektiven klicken, was letztendlich sogar noch zeitraubender und unhandlicher ist.

    Frust ist vorprogrammiert – dabei hätte es so einfach sein können, wenn man sich auf eine klassische Steuerung mit einigen wenigen (und dafür sinnvoll platzierten) Blickwinkeln pro Raum beschränkt hätte. Damit hätte man vielleicht auch den Hardwarehunger etwas eindämmen können, denn obwohl das Spiel gerade auf dem PC sehr hübsch anzusehen ist, verschlingt die Bewegungsfreiheit durch den meist ohnehin statischen Detailreichtum unverhältnismäßig viel Rechenleistung.

    Das große Genre-Potpourri

    Wenn man sich mit der Steuerung einmal einigermaßen abgefunden hat, kann man sich dem eigentlichen Spiel widmen. Klassische Rätselspiele gibt es im »Testament des Sherlock Holmes« natürlich genauso wie die üblichen Erkundungspassagen, in denen man sich die Umgebung ansieht, NPCs bequatscht und mehr oder weniger nützliche Gegenstände ins Inventar stapelt. Interessanter sind da schon die Ermittlungsarbeiten, die zumeist am Schreibtisch in der Bakerstreet stattfinden. Wer schon immer mal eine Leiche obduzieren, ein Gift analysieren oder den genauen Ablauf eines entscheidenden Moments anhand von Indizien rekonstruieren wollte, kommt voll auf seine Kosten. Zwar sind die meisten dieser Elemente alles andere als anspruchsvoll, dafür sind sie abwechslungsreich, machen Spaß und fügen sich deutlich harmonischer in das Spielgeschehen ein als das drölfzigste Schiebe- oder Zahlenrätsel.
    Das Highlight des Spiels besteht aber sicher im ›Deduktionssystem‹, das, wie der Name vermuten lässt, den durchaus gelungenen Versuch darstellt, die Holmes-typischen Aneinanderreihungen von logischen Schlussfolgerungen zur Lösung eines Problems in eine leicht bedienbare Spielmechanik zu übertragen. Das sind auch die seltenen Momente, in denen man wirklich das Gefühl bekommt, ein mehr als würdiges Sherlock-Holmes-Spiel unter den Fingern zu haben. Indizien zu sammeln, Verknüpfungen zu erstellen, Vermutungen anzustellen und schließlich die Lösung wirklich durch Nachdenken und Kombinieren erschließen zu können, fühlt sich nicht nur sehr befriedigend an, sondern passt vor allem super in die Materie und vermittelt einem den Eindruck, wirklich selbst etwas zu leisten und zur Handlung beizutragen und sich nicht nur als Statist durch eine fertige Geschichte zu klicken.

    Leider hat man genau wie bei der Storyentwicklung auch hier nicht die richtige Balance gefunden. Das Deduktionssystem kommt nur zu Beginn mal zum Einsatz und spielt später überhaupt keine Rolle mehr, obwohl das Potenzial geradezu endlos groß wäre, und die abwechslungsreichen ›Ermittlungsarbeiten‹ konzentrieren sich ebenfalls fast ausschließlich auf die erste Hälfte des Spiels, während man für den Rest der Zeit mit uninspirierten 08/15-Rätselspielen vorliebnehmen muss, die überhaupt keinen direkten Bezug mehr zum Spielgeschehen haben.
    Besonders bitter ist das nicht nur deshalb, weil gerade diese zwei Elemente den größten Spielspaß bieten, sondern vor allem, weil man mit dem Deduktionssystem eigentlich die ideale Grundlage geschaffen hat, um nicht nur einzelne Abschnitte des Spiels abzudecken, sondern um dem Spieler auch die Möglichkeit zu geben, die gesamte Hintergrundhandlung Stück für Stück selbst aufdecken zu lassen. Nach und nach die Hinweise zusammenzusetzen, was hinter dem seltsamen Verhalten von Holmes stecken könnte, hätte großartig sein können – in jedem Fall aber spannender, als sich am Ende des Spiels in einem der vielen lieblosen und drögen Monologe alles vorkauen zu lassen, was abseits des eigenen Spielerlebens passiert ist und für die Handlung viel wichtiger war als das, womit man selbst seine Zeit verbracht hat.

    So richtig scheinen die Entwickler selbst nicht gewusst zu haben, wie das Spielgeschehen eigentlich aussehen soll. Man hat mal alles in einen Topf geworfen, was einem zum Thema Sherlock-Holmes-Point-and-Click-Adventure eingefallen ist, einmal kräftig umgerührt und es dann dabei belassen. So gibt es zwar ein klassisches Inventar, aber man braucht es faktisch so gut wie nie, und wenn doch, dann nur für die primitivsten, offensichtlichsten Aufgaben (wie etwa zwei kurze Leitern mit einem Mausklick zu einer längeren Leiter zu kombinieren …), die man entweder außerhalb des Inventars oder sogar ganz automatisch hätte erledigen lassen können. Es gibt eine Option, mit der sich zwischen den Figuren des Dr. Watson und des Sherlock Holmes wechseln lässt – aber die ist fast das gesamte Spiel über deaktiviert, da die Charakterwechsel fest vom Storyfortschritt diktiert werden. Und natürlich … ja, das Deduktionssystem, das man scheinbar nur deshalb eingebaut hat, um zu zeigen, dass es existiert – und nicht etwa, um es auch konsequent zu benutzen. Denn da würde ja ein brauchbares Spiel herauskommen. Und wer will das schon?

    »… allerdings muss zugegeben werden, dass wir das Stück unter besonders ungünstigen Umständen gesehen haben. Der Vorhang war offen.«

    Leider fasst dieser Satz aus der anonymen Feder eines Theaterkritikers »das Testament des Sherlock Holmes« erschreckend gut zusammen. So auf dem Papier ist an dem Spiel nicht viel verkehrt und einiges sogar ziemlich gut – erst, wenn man die tatsächliche Umsetzung sieht, werden die vielen, vielen Fallstricke offenbar, die ein theoretisch gutes Spiel zu einem ziemlich unkoordinierten Brei aus beliebig zusammengewürfelten Story- und Genreelementen verkommen lassen.
    Abschließend lässt sich gar nicht mehr so ohne Weiteres sagen, ob das Spiel nun wirklich schlecht ist, oder ob es nur all das verschenkte Potenzial ist, dass es so erscheinen lässt.
    Die Handlung ist gut – aber völlig unproportional über den Spielverlauf verteilt und mit Logiklöchern gespickt. Die Grafik ist ausgezeichnet, solange sich nichts bewegt – umso mehr fallen die sehr hölzernen Zwischensequenzen in Spielegrafik auf. Die Umsetzung als vollwertige dreidimensionale Umgebung tut der Atmosphäre gut – kommt aber dem Steuerungskonzept eines klassischen Point-and-Click-Adventures böse in die Quere. Mit dem Deduktionssystem hat man das größte Problem eines Kriminalspiels beeindruckend gut gelöst – aber dann setzt man es nie ein und greift stattdessen auf beliebig austauschbare Rätsel aus der Spieleentwicklungsgrabbelkiste zurück.
    Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Für jeden Pluspunkt findet sich ein ›aber …‹ und am Ende ist das Spiel von allem etwas, aber in nichts wirklich gut.

    »Das Testament des Sherlock Holmes« könnte auch »das Spiel der verpassten Chancen« heißen. Außer für wirklich eisenharte Fans des eigenwilligen Detektivs dürfte dieses Spiel für niemanden empfehlenswert sein.
    Hier könnte meine Signatur stehen!

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